Der erste Besuch in Äthiopien, Afrika

Irgendwie hat jeder, der noch nicht dort war, eine grobe Vorstellung davon wie das Leben in Afrika so aussieht. Die Vorstellungen haben sich sicherlich in den letzten Jahrzehnten konkretisiert, dank der Entwicklung der Medien. Viele vergessen jedoch dabei, dass Afrika ein riesen Kontinent ist und die Länder sehr unterschiedliche Kulturen pflegen. Äthiopien hat beispielsweise ungefähr 90 verschiedene Tribes  und entsprechend groß sind die feinen kulturellen Unterschiede. Afrika unter dem Armuts- und Mitleidsdeckmantel zu betrachten, fällt schwer, wenn man sich vor Ort über die sozialen Reichtümer bewusst wird. Und genau das haben alle afrikanischen Länder gemeinsam – ein großes Solidaritätsbewusstsein. Vor allem dort, wo die materiellen Reichtümer knapp sind und ein täglicher existenzieller Kampf vorherrscht, der die Menschen zusammenführt. Man könnte meinen die in Afrika lebenden Menschen haben etwas, was wir wahrscheinlich schon lange verloren haben. Sie übernehmen Verantwortung an jenen Stellen, wo es nicht nur um das eigene Wohlempfinden geht. Das Füreinander, welches bei uns der Anonymität weichen musste. Doch in  der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba mit ca. 5 Millionen werden wir wieder an die Anonymität erinnert und die wachsende Schere zwischen arm und reich. Das Leben auf der Straße zwischen Baustellenschmutz und Ochsengespann trifft auf Villenviertel und überdimensional große Hochhausbauten aus China. Eine staatlich soziale Absicherung gibt es nicht und wir befinden uns mitten im kapitalistischen Dilemma. Die Kolonialisierung war also nur der Anfang dessen, wie insgeheim die westliche Zivilisation ihre rationalistische Lebensweise über das tägliche Leben in Afrika stülpte. Heutzutage sehen wir die Auswirkungen – wenn wir uns nur bewusst machen wie wenig Menschen von dieser Lebensweise profitieren.



Das Leben auf dem Land – Am Beispiel von Konso

Das Leben auf dem Land weist nur selten solche ausbeuterischen Spuren auf. Auch wenn man  manchmal das Gefühl hat, man ist 200 Jahre zurückgereist, begibt man sich auf halbwegs sichere Pfade. Im südwesten Äthiopiens befindet sich die „Stadt“ bzw. das Areal Konso. Es handelt sich um eine Dorfgemeinschaft, die 300000 Menschen fasst. Konso liegt in 1600m Höhe und dort ist es immer ziemlich heiß außerhalb der Regenzeiten. Das sind natürlich schlechte Voraussetzungen für die überwiegende Bevölkerung, die von landwirtschaftlichen Arbeiten lebt. Wasser- und Nahrungsmittelknappheit sind keine Seltenheit. Ein Jeder Mensch bemüht sich Tag für Tag um genügend existentielle Güter für sich und seine Familie, seinen Stamm und auch seine Gemeinschaft zu besorgen. Es geht schließlich ums Überleben und hier wird niemand einfach so zurück gelassen. In Konso gibt es neun verschiedene Stämme, die zwar untereinander verschieden sind, aber dennoch ihre Bedürfnisse auf einen gleichen Nenner bringen. Sie wollen ihr Leben gemeinsam leben und füreinander da sein. Ihr gemeinsames Oberhaupt King Kalla kümmert sich um die Kommunikation zwischen den Stämmen und löst Unstimmigkeiten stets auf friedlicher Ebene. Wir befinden uns nicht in der Barbarei, auch wenn ein Kampf ums Überleben dies vermuten lässt. Die Menschen in Konso haben ihre Handlungen und die Auswirkungen ihres Handelns gut bedacht und wissen das nur ein gemeinsames Handeln zielführend ist. Die Konso-Frauen gestalten die Strukturen und tragen damit eine riesen große Verantwortung. Sie tragen tatsächlich unglaublich schwer – wenn sie sich beispielsweise den 60 Liter Wasserkanister auf den Rücken schnallen und 20 km mehrmals am Tag überwinden müssen. Oder wenn sie von der Ernte kommen und eine Last tragen unter der sie nur noch als halber Mensch hervorschauen. Was diese Belastung für den Rücken bedeutet, möchte man nicht wissen, wenn man bedenkt dass sie schon im Kindesalter mit dieser Arbeit begingen müssen. Zeit in die Schule zu gehen und eine sorgenfreie Kindheit genießen zu können klingt zunächst utopisch. Trotz der großen Verantwortung, die man in Konso bereits als kleines Kind trägt, gibt es eine ganz spezielle Form des Glücks, welche man dort erleben kann.


Der Schulalltag in Konso

Eine Woche Konso bedeutet nicht fremd sein oder keinen Anschluss zu finden. Wenn man sich nicht gerade als Einer verhält der fremd sein möchte, ist man direkt mitten im Geschehen. Früh beginnt der Tag für die Konso-People und spätestens um 8 Uhr morgens sind alle aus diesem Ort auf den Beinen und folgen ihren alltäglichen Tätigkeiten – meist verbunden mit schwerer körperlicher Arbeit. Frühes Aufstehen bewährt sich in Konso, denn die Sonne knallt weniger und die Frische am Morgen erleichtert die Arbeit ungemein. Ein Weiter-schlafen ist bei den ganzen krähenden Hähnen, die eine Art Chorgesang imitieren, schier unmöglich. Da sehr viele Menschen eine kleine Tierherde besitzen, müssen sie sich gleich nach dem Aufstehen um ihre Tiere kümmern. Nach dem eigenen Frühstück, welches man bereits am Abend vorher besorgte, geht es also um das Viehzeug. In der Regel wird diese Arbeit von Kindern und Jugendlichen verrichtet. Ist man jedoch privilegiert, macht man sich auf zur Schule. Die Kinder warten nicht auf den Schulbus, sondern gehen einige Kilometer zu Fuß. Die weiter bildenden Schulen besitzen Schuluniformen, in Konso ist die meist getragene Farbe Dunkellila. Die Uniformen sind wichtig, denn dadurch können die jungen Menschen sich als Schülerinnen und Schüler identifizieren bzw. ausweisen an den Pforten der Schule. Die Bildungseinrichtung die es dort gibt, ähneln unseren im Grunde gar nicht. Sie besitzen weder fließend Wasser, noch Strom, keine Toiletten und haben Räume, die eher alte Scheunen nahe kommen als einem Klassenzimmer. Aber es gibt sie und es gibt Lernmaterial und eine Lehrerschaft und auch eine Schulleitung. Die Kinder lernen Schulfächer, wie Englisch, Physik, Mathe oder auch Biologie – auch wenn die Mittel begrenzt sind und manchmal noch nicht genügend Geld für Stifte vorhanden ist. Was ihnen außerdem bleibt, ist das Lernen eines Miteinanders und Füreinanders durch direkte Praxis. Not macht bekanntlich erfinderisch und dieser Erfindergeist speist sich aus dem eben benannten Zusammenhalt. So kommen sie also mit den wenigen Gütern aus und finden das Glück zwischen den Dingen. Die Grundschulen, die meist bis zur achten Klasse reichen, besitzen keine Uniformen. Auch die Sorrobo-Schule, dort wo wir das Viva-Humanidad-Gebäude bauten hat nur die einfachsten Mittel zur Verfügung.Das Viva-Humanidad-Gebäude ist jedoch ein wichtiger Hoffnungsträger für die Schülerinnen und Schüler dort. „Unser“ Gebäude unterscheidet sich wie folgt von den anderen ortsüblichen Schulgebäuden: Es ist ausreichend Licht in den Klassenzimmern, was durch Plexiglasscheiben und großen Fenstern  gewährleistet wird, denn Strom ist natürlich keiner vorhanden. Es gibt einen geraden, betonierten Fußboden, auf dem die Schulbänke entsprechend gut stehen können. Die anderen Gebäude haben meist einen unveränderten Boden, also den natürlichen, vertrockneten Erdboden, der einige Unebenheiten ausweist. Nicht zu kippeln fällt hier besonders schwer – Regeln an die wir uns nur all zu oft halten mussten während unserer Schulzeit, stehen hier außen vor. Unser Schülgebäude hat viele verschließbare Fenster aus Holz und ebenso verschließbare Türen. Die traditionellen Gebäude haben lediglich kleine Fenster und diese sind so weit oben angebracht, dass sie nicht verschließbar sein müssen und eher der Luftzirkulation dienen. An dieser Stelle sollen natürlich die Bemühungen  nicht schlecht geredet werden, lediglich der Hinweis deutlich werden, dass durch kleine Veränderungen im traditionellen Baustil die schulischen Umstände enorm verbessert werden können. Eine weitere Besonderheit ist die Terrasse vor unseren Klassenräumen, dies sind die einzigen schattigen Sitzplätze auf dem ganzen Schulgelände.


Unser Aufenthalt in Konso

Als wir Konso nach einer tagelangen Reise von Addis Abeba endlich erreichten, war es früher Abend und ein Seil hinderte uns zunächst die Ortsgrenze zu überwinden. Erst nachdem das bewaffnete Militär uns kurz checkte (lediglich mit freundlichen Blicken) durften wir passieren. Es war das erste mal in Äthiopien, dass ich so viele bewaffnete Menschen auf einem Fleck sah. In Addis hat man an vereinzelten öffentlichen Plätzen hin und wieder bewaffnete Polizisten wahrgenommen, dennoch nicht in einem derart präsenten Ausmaß wie in Konso. Die dortige Spannung war so zu sagen mit dem ersten Schritt in die Türe spürbar. Es war nicht so, dass die Menschen in Konso keine Freude mehr ausstrahlten und ihren Alltag nicht weiterführten, trotz der Schikane. Denn die 'Southpolice' kontrollierte im Auftrag der Regierung von Äthiopien jedes Tarnsportmittel in dem mehrere Menschen Platz fanden. Das bedeutete, dass alle Menschen aussteigen mussten und es wurde geschaut, ob sie in irgendeine Art und Weise eine Bedrohung für die Regierung darstellen konnten. Zu der politischen Anspannung in Konso später mehr. Nachdem wir unseren Platz am Rande des Ortes in der Unterkunft 'Strawberry Fields' gefunden hatten, in einem kleinen Bungalow der kein Strom besaß, machten wir uns auf in die „Stadtmitte“ um noch etwas warmes zu essen. Es gab Shiro. Shiro ist eine Kichererbsenpaste mit Zwiebeln, Salz und Pfeffer gewürzt, welche ziemlich heiß auf Injera serviert wird. Injera besteht aus Teff einem Getreide, welches wie ein Pfannkuchen aufgebacken wird und ähnlich wie ein Sauerteig schmeckt. Am Anfang war es etwas gewöhnungsbedürftig, doch schon bald wollte ich gar nichts anderes mehr essen. Auch das Essen mit Fingern machte Spaß und war bald nicht mehr wegzudenken.
Nach einer erholsamen Nacht in unserem Bungalow machten wir uns am nächsten Tag auf zur Schule. Endlich bekam ich einen Eindruck von der ganzen Arbeit in Konso. Ich lernte Tariku und Girma, unsere Übersetzer und Projektkoordinatoren und auch die ganzen Arbeiter kennen, die bereits dabei waren erste Sanierungsarbeiten an der Schule zu verrichten. Die Termitenplage ist in Äthiopien keine Seltenheit und es war deutlich, dass die Schule an den hölzernen Fenstern bereits davon betroffen war. Die Holzbalken, die das Schulgebäude jedoch zusammen hielten waren zum Glück nicht betroffen. Prophylaktisch galt es jedoch die Außenfassade zu zementieren, um die Termiten fern zu halten und das Schulgebäude vor weiteren Schäden zu schützen. Die kaputten Fenster wurden ausgetauscht und versiegelt. Mit Sami, dem Kammerjäger aus Addis, bereiteten wir alles für das Fangen der Termitenkönigin vor. Da es aber womöglich unzählige Termitenstämme und somit auch Königinnen gab, sollte unsere Maßnahme nur beispielhaft für spätere Situationen sein. Nach dem ersten Arbeitstag wurde schnell klar, dass es einiges zu machen gab mit dem wir zuvor nicht rechneten. Aufgrund des mangels an Schulbänken für das kommende Schuljahr, beschlossen wir defekte Gestelle zu reparieren und daraus neue anzufertigen. Darüber hinaus wollten wir das Grasdach, welches zur Instandsetzung des Schulgebäudes 2014 noch zu funktionieren schien, gegen ein Wellblechdach austauschen, dann die Materialien waren ein gutes Jahr später nicht mehr brauchbar und der Ballast war zu groß für die Dachträger. Eine wichtige Erkenntnis war außerdem, dass es viel zu heiß und zu trocken in den meisten Tagen des Jahres für das Funktionieren eines Grasdaches war. Eine ausgleichende Maßnahme  dafür war die Vorstellung einen fruchtbaren Komposthaufen zu errichten, der in näherer Zukunft Früchte trägt und die Schülerinnen mit Nahrung versorgen kann. Im Laufe der Woche kamen außerdem noch das Reparieren eines Wassertanks hinzu und der Bau einer kreisrunden Sitzbank unter einem großen, schattigen Baum. Am dritten Tag war es dann so weit und wir kümmerten uns hauptsächlich um die Termitenjagt, wir bestellten einen Rinderkopf beim Metzger und verbuddelten ihn zwischen zwei großen Termitennestern. Termiten sehen aus wie Ameisen nur größer und sind weißlich-durchsichtig. Die Termitenkönigin ist hingegen ca. fünf cm. Groß und legt alle zwei Sekunden ein Ei. Nachdem der Rinderkopf verbuddelt war mussten wir ca. 8-10 Tage warten um zu sehen, ob die Termitenarbeiter die Termitenkönigin bereits ins Futterparadies getragen haben. Da unser Aufenthalt leider nicht so lange war, bekamen wir in diesem Fall nichts von dem Ergebnis unserer Arbeit mit. Die anderen Arbeiten verliefen relativ fehlerfrei und wurden rasant erledigt. Die Zusammenarbeit der Arbeiter, die Tariku einstellte, war brüderlich und erfrischend. Nie gab es ein Problem, welches nicht bewältigt werden konnte oder Streitigkeiten. Der Arbeitsalltag sah wie folgt aus: Wir trafen uns meist gegen halb acht zum gemeinsamen Frühstück und ab 8 Uhr wurde bis ca. 13 Uhr durchgearbeitet. Unsere Funktion bestand in der Koordination und Dokumentation, dennoch ließen wir uns es nicht nehmen auch selbst mit anzufassen. Um 13:30 Uhr machten wir eine Mittagspause und anschließend trafen wir uns wieder um 15 Uhr und arbeiteten drei weitere Stunden. Es war jedoch zu keiner Zeit zu anstrengend oder zu früh. Die Zusammenarbeit machte so viel Spaß, dass man sich gemeinsam auf den nächsten Tag freute und Pläne schmiedete, um kollektive Ziele zu erreichen. Es war schließlich unser aller Werk. Selbst die Schülerinnen, die nun nach den Ferien wieder die Schule besuchten, halfen in den Unterrichtspausen, wo sie nur konnten. Auch das Einführen einer Mülltrennung für die Sauberkeit des Schulhofes wurde schnell verstanden und dankend angenommen. Die Kinder fingen sofort an, ihren Schulhof von Papier- und Plastikresten zu befreien. Nach einer Woche Arbeit stellten wir fest, dass wir unsere Ziele erreicht haben. Am Ende des siebten Arbeitstages ging es noch um die letzten Feinheiten und die Vorbereitungen für die gemeinsame Zeremonie. Es gab eine lange Tafel, an der Schüler*innen aber auch Älteste ihren Platz fanden. Natürlich kamen auch alle Arbeiter zusammen und lauschten der letzten Ansprache unsererseits. Wir übergaben der Schulleitung noch einige neue Schul- und Lehrbücher und bedankten uns für die Zusammenarbeit. Im Anschluss gab es noch ein gemütliches Lagerfeuer, Musik von Axel Makana und Guacamole für Alle.Da dies nun definitiv unser letzter Abend in Konso war, kam es zu einem emotionalen Abschied. In der kurzen, intensiven Zeit wuchsen wir alle ziemlich schnell zusammen, was die Situation natürlich nicht erleichterte.

Besondere Phänome

Die Familienstrukuren sind die konsensbildenden Partiellen in Konso. Institutionen wie Gemeinschaftshäuser helfen dabei gemeinsame Ziele zu definieren und Arbeitsteilung zu delegieren.