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Solarlicht für die Hütten Äthiopiens

Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 02.08.2010

In Äthiopien rufen sie ihn "Lichtbringer". Jedenfalls dort, wo bisher in den Hütten lediglich Laternen für etwas Helligkeit in der dunklen afrikanischen Nacht sorgten. Harald Schützeichel aus Merzhausen bei Freiburg bringt seit fünf Jahren Licht in die sogenannten Tukuls, das gesünder ist als jenes der ätzenden, die Atemwege schädigenden Funzeln, die von einem kerosinähnlichen Sprit gespeist werden. Harald Schützeichels Lampen werden von Strom aus Sonnenlicht versorgt. Das Prinzip ist einfach: Auf der Hütte wird ein kleines Solarmodul angebracht, eine Leitung zur Batterie gelegt, eine Energiesparlampe aufgehängt. Abends wird sie einfach eingeschaltet und leuchtet bis Mitternacht. Finanziert werden die Anlagen mit Spendengeld aus Europa.

Licht auf Knopfdruck ist in Äthiopien auf dem Land weitgehend unbekannt. Das wusste Harald Schützeichel, als er vor sieben Jahren eine neue Aufgabe suchte und schließlich eine Stiftung gründete, die Geld für gesunde, umweltfreundliche und bezahlbare Lichtquellen für Afrika sammelt. Da hatte er gerade seinen Posten als Vorstandsvorsitzender der börsennotierten Freiburger Solarstrom AG aufgegeben, bei einer der Pionierfirmen, die frühzeitig hierzulande Dächer von Wohnhäusern, Fußballstadien und Zeitungshäusern mit Fotovoltaikanlagen bestückte. Schützeichel hat die SAG an die Börse gebracht und bundesweit etabliert. Aber nach einer verpatzten Kapitalerhöhung und rückläufigen Geschäften gab es zunehmend Differenzen zwischen ihm und dem Aufsichtsrat, und so richtig ins Geschäftsleben hat der Rheinländer auch nicht gepasst. Der 1960 in Bonn geborenen Schreinersohn war zuvor eigentlich auf dem Weg zum Pfarrer: Ministrant, Studium der Kirchenmusik und der Theologie, eine Doktorarbeit zum Thema "Die Orgel im Leben und Denken von Albert Schweitzer". Von 1990 bis 1996 war er Studienleiter an der Katholischen Akademie in Freiburg, nebenbei spielte er die Orgel in verschiedenen Freiburger Kirchen.

Pfarrer ist er also nicht geworden, aber eine Art Missionar dann doch. So wie sein großes Vorbild Albert Schweitzer. Er mag diese Bezeichnung nicht gelten lassen, er sieht sich lieber als Entwicklungshelfer, er will helfen, dass es dauerhaft besser wird. So weit, dass künftig auch ein Markt entsteht und die Afrikaner es sich leisten können, größere Solaranlagen zu installieren. Er ist auf jeden Fall ein Überzeugungstäter. "Die Energiefrage" ist für ihn "zentral für die globale Entwicklung, für Krieg oder Frieden, Wohlstand oder Elend." Er benennt die Dimensionen: Momentan verbraucht ein Viertel der Menschheit drei Viertel der Energie, drei Viertel leben in Energiearmut. Die Stiftung Solarenergie will einen bescheidenen Beitrag zur Veränderung leisten. Und das nicht nur mit Geld und Spenden. Schützeichels Entwicklungsmission hat sich zum Vollzeitjob entwickelt, er ist von Anfang an selbst nach Äthiopien gereist, hat mit der "Aktion Mensch" des Schauspielers Karlheinz Böhm geeignete Orte für die ersten Projekte ausgesucht. 80 Prozent der rund 70 Millionen Äthiopier haben keinen Zugang zum Stromnetz. Wenn sie nicht kaputt sind und Sprit haben, liefern Dieselgeneratoren Strom wenigstens für Wasserpumpen, Krankenhäuser oder Schulen. Auf dem trockenen Land wären Solaranlagen eigentlich die ideale Energiequelle.

In zwei Dörfern, rund 200 Kilometer nördlich der Hauptstadt Addis Abeba, hat Schützeichels Stiftung Solarenergie begonnen, mittlerweile sind dort 2500 Solaranlagen installiert worden - von den Einheimischen selbst, die Schützeichel und seine technischen Helfer zunächst einmal zu Elektroinstallateuren ausbilden mussten. Inzwischen hat die Stiftung in Addis Abeba dafür eine Schule gegründet. Ganz geschenkt bekommen die Bauern die Anlagen nicht. Für die Batterien, die nach rund fünf Jahren gewechselt werden müssen, ist ein Obolus fällig, den ein Verein im Dorf einzieht. Aber das alles musste aufgebaut werden, Vereine oder Genossenschaften gab es nicht, Gemeinschaft ist auf dem äthiopischen Land Familie oder Sippe.

"Wir bringen mehr als nur Strom und Licht", betont Schützeichel immer wieder. "Licht ist dort eine neue Lebensqualität und auch die Chance für Bildung der Kinder." Denn die Nacht kommt in Äthiopien früh und rasch, die Dunkelheit ist sehr schwarz. Kinder, die nach der Schule bei der Feldarbeit helfen müssen, können erst abends die Hausaufgaben machen - aber nur, wenn ordentliches Licht vorhanden ist. Mittlerweile wurden weitere Solaranlagen in 33 äthiopischen Dörfern verkauft, Solarstrom wird nicht nur in den Hütten, sondern für Wasserpumpen, Schulbeleuchtungen und Kühlschränke in Krankenstationen genutzt. Und es gib Anerkennung: Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton ist im letzten Jahr mit Tochter Chelsea zu Schützeichel in die Solardörfer nach Äthiopien gekommen, um sich die Pionierprojekte anzusehen und zu loben. Und vor zwei Monaten hat die Stiftung den Preis Lighting Africa Outstanding Product Award erhalten. "Ein Ansporn, weiterzumachen", freut sich der "Lichtbringer". Die nächsten Projekte sind in Vorbereitung.