Am 18.01. ging es dann früh morgens mit Mr. Wondimu zur Schule nach Woliso, um beim Aufbau der Solarstromanlage dabei zu sein. Ich war ziemlich müde, da mich die Flohbisse wieder nicht so richtig durch schlafen ließen. Von Woliso ging es wieder auf die Piste, die aber diesmal tatsächlich bis zur Hälfte ausgebessert wurde. Auch die provisorische Brücke über einen kleinen Fluss, in den wir letztes Jahr dann auf der Rückfahrt gecrasht sind, war nun fest installiert. Nur auf dem letzten Stück wurden wir wieder ziemlich durchgeschüttelt. Mr. Wondimu fuhr besonders auf der Piste zu seiner Community immer schneller und man merkte ihm seine Freude an, wieder zu Hause bei seinen Leuten zu sein. Das Aufbauteam von der Solar-Foundation hatten wir schon in Woliso getroffen und sie fuhren uns voraus. An der Schule war helle Aufregung, die Kinder kreischten vor Begeisterung und sahen uns wieder an, als wären wir Außerirdische. Irgendwie waren wir das ja auch, mit all den Gerätschaften, die da an uns herum baumelten. Sobald wir die Kamera auf irgendetwas richteten liefen die Kinder herbei und stellten sich direkt vor die Linse.
 
Die Leute von der Solarfirma waren sehr gut organisiert und machten sich gleich an die Arbeit und am Abend brannte schon das erste Licht im Klassenraum, worüber sich der Direktor der Schule gar nicht mehr ein kriegte.
 
Am nächsten Tag war die Installation der Solaranlage inklusive Fernseher abgeschlossen und ich überprüfte mit dem Leiter des Aufbauteams, ob alles funktionierte.  Lediglich die Antenne für den Fernseher war ein bisschen zu klein und wird zum Einweihungsfest am 6.02. ausgetauscht. Ansonsten funktionierte alles und die Lehrer und Kinder waren happy.

Die Eindrücke dieser Reisen begannen sich erst im Nachhinein langsam ins Bewusstsein zu bewegen. So,  dass ich noch nicht so weit bin alles in Worte zu fassen. Es zu entweihen. Ein Trip zurück hinters Mittelalter mit unverdorbenen Menschen, die ihr entwaffnendes Lächeln wie eine Fahne voran tragen und einem immer direkt in die Augen schauen und respektvoll zunicken; mit heiligen Plätzen in unberührter Natur, mit geheimnisvollen Bergen auf denen einzelne riesige Zauberbäume ihre Äste beschützend ausbreiten, als wollten sie weithin sichtbar verkünden: „Fürchte dich nicht, auchdu bist ein Kind der Natur.“ Diese Bäume werden auch als Heiligtümer verehrt und man kommt unter ihnen zusammen, um die zahlreichen heiligen Feste zu feiern oder Streit in der Community zu schlichten.  

Heilig ist in der Oromokultur, was von der Natur gegeben und den Sturm der Zeit überlebt hat. Jedes Ritual bindet die Gemeinschaft in einem respektvollen Miteinander. Besonders das Altersklassensystem, oder auch Gada-System genannt, regelt die sozialen Verantwortlichkeiten innerhalb der Oromo-Gemeinschaft. Demnach wird jeder mit seiner Geburt in eine bestimmte Gada-Gruppe hineingeboren, die seine soziale Stellung, Aufgaben und Pflichten in der Gemeinde bestimmen. Jede Altersklasse hat einen Zyklus von acht Jahren und wechselt dann nach Ablauf automatisch in die nächst höhere Gada-Gruppe. Dadurch ist eine natürliche Form der Demokratie entstanden, welche die Laufzeit für politische Aufgaben regelt. Die Gruppe mit der größten Verantwortung und dem höchsten Ansehen ist die achte Gruppe, der 56-64 jährigen, die auch als „Gada der Weisen“ bezeichnet wird. Sie fällen die wichtigen Entscheidungen innerhalb der Gemeinschaft und dienen als Zeremonienmeister und Wächter der Tradition. Mr. Wondimo gehört dieser Gada-Gruppe an. Tradition ist Gesetz  und funktioniert noch in diesen Reservaten der fortschrittsbefreiten Welt. 
 
Wir waren für die Leute wie Außerirdische. Und uns schäumte eine unverhohlene Sympathie entgegen. Unsere Kameras waren für die  Leute wie die Insignien unseres Glaubens und jedes Foto schien für die Leute wie eine Segnung zu sein. Die Wanderungen in den Bergen waren anstrengend, da die dünne Luft ganz schön schlaucht. Mr. Wondimu legte mit seinen 61 Jahren ganz schön vor und führte uns zu den schönsten Plätzen. Wir entdeckten unter anderem einen 3600 Meter hohen Berg, der auf keiner Karte verzeichnete ist und erblickten von dem Gipfel einen violett schimmernden See, den ich auch auf keiner Karte gefunden habe. 
 
Eje Eje jirta fayuma naguma...was wie ein Zauberspruch klingt, ist nur eine der vielen  Begrüßungs-Formeln von unterwegs, die in ihrem Klang immer  etwas Singhaftes haben. Jedem Menschen scheint hier in Koyo als Grundeinstellung Wohlwollen entgegen gebracht zu werden. Das ist der augenscheinlich wichtigste Teil des allgemeinen Sozialcode. Jeder Gruß, jedes Eintreten in einen Raum ist diesem Ritual geweiht. Norr norr – bakserr. Die Generationen sind füreinander da und hören aufeinander. Ich habe zum Beispiel nicht ein schreiendes Baby gehört, obwohl jede fruchtbare Frau eines oder mehrere auf dem Arm oder dem Rücken trug. Seltsam, wenn ich da an unsere quengelnden NewEconomyBabys im Prenzlauer Berg denke...Die kriegen ja auch gleich mit den ganzen unnatürlichen Reizen ordentlich eins auf die Mütze. 
 
Auf unserem Rückweg von Wondimos Hütte zurück zur Koyo-Schule strömten die Leute aus ihren Hütten herbei und stellten sich auf dem Weg zu einem Foto auf, bedankten sich danach mit einer Verbeugung und luden uns oft in ihre Hütten ein, um Katikala (Schnaps) zu trinken. Das machte die Wanderungen am Ende ziemlich beschwingt. Der Katikala oder Araki genannt, ist auch ein heiliges Getränk, dem bei besonderen Anlässen oft minutenlange Segnungen in die offenen Hände des Adressaten vorausgehen. Die Ehrerbietung, die uns zu Teil wurde, war rührend. Man küsste uns die Hände, verbeugte sich und zeigte mit der rechten Hand zum Himmel und dann auf uns. Diese Geste wurde uns später wie folgt erklärt: Das Wunder von der Koyo-Schule, dass aus Sonnenlicht elektrischer Strom entstand, hatte sich rum gesprochen und die Leute sahen uns als die Bringer des Lichtes. ...Oh Gott das klingt so dahin geschrieben fast schon selbstherrlich ...Ist die Selbstreflexion schon der Anfang von allen Verwirrnissen und Zweifeln? Welch ein Luxus sich dieser Gedanken hingeben zu können, so wie ein Bauer sich hier der Zubereitung eines Festmahls hingibt. uff...

Konzert im Goethe-Institut in Addis Abeba
Gestern war das Konzert im Goetheinstitut. Es war rappel voll und richtig gut. Ich bin 15Uhr von Cozy zu Hannock, dem Basspieler der Jazzmaris gefahren. Er wohnt in einem verschnörkelten wunderschönen Haus und ist einer der bekanntesten Musiker in Äthiopien. Die Musikstudenten der Jarret-Musik-School verehren ihn wie einen Heiligen. Zitat: „I belive in God and in Hannock.“ Wir wollten bei ihm die Lieder vor dem Auftritt noch mal proben. Doch Natty und Jörg hatten irgendein Problem mit dem Auto und kamen zu spät. Wir fuhren dann gleich zum Goethe und wollten dann beim Soundcheck, die Lieder proben. Es wirkte alles noch ein bisschen „Auf gut Glück“, aber nach zweimal durchspielen, sollte es gehen. Ging auch und mehr noch, es war richtig batam batam (sehr) wie es eine Mitarbeiterin vom Institut ausdrückte. 
 
Die Jazzmaris spielten zuerst eine Stunde ihr EthiopicJazz Programm und ich kam dann als Spezialgast am Ende dazu. Wir fingen mit „On the run“ an und die Äthiopier (viele Studenten von der Musikfakultät der Uni) jubelten schon bei den ersten Takten los, als würden sie den Song kennen. Es war einfach ganz großes MAKANA. Ich hatte nach der Soundcheckprobe bei Olaf noch etwas gekaut, was mich angenehm beflügelte. Jeder einzelne Musiker ist ja auch wirklich ein Genie an seinem Instrument. Von starren Arrangement-Vorgaben befreit, entwickelten sich die Songs zu magischen Klanggebilden und führte uns zu musikalischen Höhenflügen. Das Ego hatte sich mit den Tonschwingungen neutralisiert. Wir wurden eine musikalische Galaxie in dem die einzelnen Teile - Instrumente ellipsenförmig umeinander kreisten. Ein Zufallsprodukt. Heilig. 
Rodrigo war am rotieren und sehr konzentriert bei der Sache und hatte an alles gedacht. Der Sound draußen war sehr gut und mit der zusätzlichen Tonaufnahme  über ein Stereomic hatten wir einen wirklich guten Livesound.

Ankunft in Addia Abeba
Der Flug verging dieses Mal sehr schnell. Wie wahrscheinlich immer alles schneller vergeht, wenn man es öfter erlebt. Oder war es der Wein, den ich mir immer wieder nachbestellte und deswegen von den Stewardessen schon skeptische Blicke einfing? Ich war auf jeden Fall angenehm berauscht und nicht aufgeregt. Auf einmal blinkte auch schon wieder das Anschnallzeichen und das Knacken und Quietschen in den Ohren begann den Landeanflug anzukündigen. Dieses Mal war ich sogar einer der ersten der das Gefährt verlassen konnte und demzufolge auch an den weiteren Stationen wie Visa-Antrag, Passkontrolle und Gepäckband ganz vorne dran. Kein Gedränge. Auch der Zoll guckte nur flüchtig auf den Monitor der meine Gepäckstücke anzeigte und ließ mich kommentarlos weiter ziehen.
In der Eingangshalle entdeckte ich dann auch gleich Mr. Wondimo, der mich in einem langen grünen Militärmantel und seinem herzlichen Lächeln empfing. Wir holperten durch die Straßen und alles wirkte sehr verschlafen. Wahrscheinlich lag es daran, dass ja gerade äthiopisches Weihnachten war und alle nach dem Weihnachtsessen mit der Familie schon den Schlaf des Gerechten taten. Auch Mr. Wondimo war sehr auf das Autofahren konzentriert und antwortete in knappen Sätzen: „Yes everything is done and perfect organiced“  wobei er zufrieden lächelte.

Addis ist ja quasi der Bahnhof dieser anderen Welt und scheint sich auf den ersten Blick nach den Beschreibungen von Kapuscinski „König der Könige“ seit 1930 nicht verändert zu haben: Eine immer währende Baustelle. Überall stehen die Gerippe angefangener Häuser herum, die mit einem waghalsigen Baugerüst aus Holzstäben und Plastikplanen eingewebt sind, was mitunter skurrile Züge hat und an Verpackungskunst, wie damals am Reichstag, erinnert. Die Straßen scheinen sauberer als letztes Jahr zu sein und nur vereinzelt liegen schlafende Bettler auf den Gehwegen, die im Vorbeifahren wie verwelkte Blätter im Spätherbst aussehen. Am Tage füllen sich die Straßen mit Leben und klapprige Oldtimer oder billige japanische Autos pumpen dicke Rußschwaden in die Luft. Jedes Gefährt, was irgendwie noch rollt, scheint hier für den Straßenverkehr zugelassen. Die Straßenverkehrsregeln gelten in der Regel nur, wenn ein Polizist mit einer Trillerpfeife daneben steht, der jetzt neuerdings nach dem Leistungsprinzip entlohnt wird. Es soll angeblich eine prozentuale Beteiligung an den Bußgeldern geben. Jedenfalls ist bis 19Uhr Dienstschluss wirklich viel Polizei in Addis unterwegs. Danach aber winken die Taxifahrer schon wieder ab, wenn man Anstalten macht sich anschnallen zu wollen. Es wurden dieses Jahr ein paar neue Regeln eingeführt, z.B. dass man an Zebrastreifen anhalten muss, wenn Leute die Straße überqueren wollen, oder dass man als Fahrer nicht mehr telefonieren darf und auch das Katkauen der Fahrer wurde nun  verboten.  Zwischen diesem heiteren Verkehrschaos tummeln sich unzählige Menschen, die meistens irgendwelche Besorgungen machen, was durch ihren ernsten Blick und geschulterte Plastiktüten oder eingewickelte Bündel zu erkennen ist. Addis ist ein Schmelztiegel aller Kulturen und Bewohner Ostafrikas. Die unterschiedlichen Gesichter und bunten Kleidungsstile machen jeden Spaziergang zu einer Entdeckung. Auffallend viele Kinder toben durch die Straßen und werfen mir ein piepsiges ferenshi ferenshi (der allgemein gebräuchliche Ausdruck für Ausländer) entgegen. Man kann die neu angekommenen ferenshis unter anderem auch an ihrem umherschweifenden Blick erkennen, der ständig nach links, rechts und nach unten wandert  – denn nebenbei muss man ja immer auch aufpassen, dass einem nicht so ein Loch auf dem Gehweg verschluckt. Schuhputzer wollen meine nagelneuen Schuhe polieren – obwohl die aus Stoff sind. Straßenverkäufer bieten DVDs (unter anderen auch schon 2012 von Emmerich) CD´s,  Bücher, Sonnenbrillen und Besen feil. Feingliedrige Schönheiten flanieren über die brüchigen Gehwege, in denen Löcher klaffen aus denen es nach Kloake stinkt. Taxifahrer hupen mich an, in der Hoffnung eine einträgliche Fahrt zu ergattern. Am Straßenrand liegen platt gefahrene Hunde. Bettler murmeln mildtätige Beschwörungen und strecken mir ihre Hände entgegen...  So vergingen die ersten Tage mit Ankommen und sich an diese andere Matrix zu gewöhnen.

Trip zu den Seen von Debre Zeit
Am 12.01. machte ich einen Tagestrip nach Debre Zeit. Nachdem ich durch eine heimtückische Attacke von Flöhen im Morgengrauen schon sehr früh aufgewacht war, bin ich dann zur Boleroad gelaufen, bekam gleich das richtige Taxi zum „La Gara“, erwischte sodann auch gleich den richtigen Bus und los ging es. Der Bus war wie üblich bis zur letzten Ecke gefüllt und mir wurde ein Holzschemel angeboten auf dem ich im Gang zwischen ein paar Bauern saß, die mir wohlwollend zunickten. Es dauerte fast 1 ½ Stunden bis der Bus endlich aus Addis raus war. Absolutes Chaos. Überall Baustellen und dadurch Umleitungen über unebene Pisten durch die Wellblechhütten-Slums. Dicke Staub- und Abgaswolken waren ein ständiger Begleiter und ich musste mir mein Tuch vor Gesicht und Nase halten, um nicht nur  den Ruß und Schmutz einzuatmen. Draußen ein Gewusel von Mensch, Tier und technischem Gerät. Wellblechverschläge, die so niedrig und schief waren, dass die Menschen sich darin nur gebückt bewegen konnten. Kinder die in zerlumpten Kleidern und verrotzten Nasen einem Ball ähnlichen Ding hinterher jagten. Schlanke Frauen, die in Stöckelschuhen über aufgerissenen Straßen balancierten. Männer in viel zu großen Anzügen mit hellem Hemd, die gestikulierend geschäftig am Straßenrand standen. Jede Stockung der Kolonne aus Taxis, Bussen, LKW`s und Geländewagen wurde mit einem Hubkonzert kommentiert. Sobald sich eine Lücke auftat, wurde zu einem Überholmanöver angesetzt  und auf Gedeih und Verderb über  die staubige Piste geprescht. War ich anfangs jedes Mal noch verschreckt und hatte mit Schweißausbrüchen zu kämpfen beim Anblick all dieser Waghalsigkeit, musste ich irgendwann nur noch in mich hinein kichern. Am Ende der Stadt sah ich mehre neue Industriekomplexe ausländischer Firmen, die wohl das moderate Wirtschaftswachstum bedeuten, was sonst allerdings im Land nicht zu spüren ist. Endlich wurde nun auch der Blick frei auf die Landschaft mit Bergen, vereinzelten Zypressen und kleinen Eukalyptuswäldern. Dieser Anblick währte aber nicht lange, denn wir näherten uns nun auch schon Debre Zeit, dessen Gegend auch sehr dicht besiedelt ist.
In Debre Zeit ging ich erst mal ein Merkiato (leckerster Milchcafe) trinken und sah nebenbei die Berichte von dem verheerenden Erdbeben in Haiti. Aua. Bloß weg in die Natur. Ich nahm mir ein Pferdegespann und ließ mich für 40Birr zum Lake Hora fahren. Als ich den Weg zu dem Kratersee hinunter ging, tauchte ich in ein grünes von Vogelgeschnatter und Blöcken erfülltes Paradies. Am Eingang einer Anlage mit Restaurant und Kinderspielplatz musste ich 4Birr bezahlen. Ein  paar Guides boten ihre Dienste an, aber ich wollte dieses Naturwunder lieber auf eigene Faust entdecken und schlug die Warnungen ala“ the way is not safe“ in den Wind. Nach all dem Stress und den Strapazen der Fahrt kam nun die Belohnung. Auf einmal segelten exotische Vögel über einen smaragdgrünen See. In der Ferne zeichneten sich mit Zypressen bestandene Hügel ab. Das  Ufer war ein grüner Gürtel aus dem ein Piepen, Glucksen und Schnattern von den Bewohnern dieses Biotops drang. Ein verschlungener Trampelpfad führte um den See herum und bis auf wenige Meter direkt zu diesen wunderbaren Vögeln. Ich sah Marabus, Pelikane, Flamingos, Ibisse, diverse Reiher, Kanarienvögel in verschiedensten Farben, Wachteln, Enten, ganz kleine rote Vögel und unzählige andere fliegende Exoten – ja nun wäre eine ornithologische Fibel gut, dann könnte ich all die seltsamen Vögel beim Namen nennen. Ich schlich mich immer so nah wie möglich heran, bis die Vögel dann doch was merkten und dicht über dem Seen davon flatterten, was jedes Mal ein Riesenspaß war. Die Flamingos waren am coolsten, ich war bis auf fünf Metern an ihnen dran, bis sie dann endlich voller Eleganz davon schwebten und ihre rosa Flügel zeigten. Die Marabus saßen gerne in den Bäumen und dösten vor sich hin. Sie wirkten ein bisschen behäbiger, wie alte Damen, die eigentlich nur ihre Ruhe haben wollten. Als ich da so am Ufer entlang strich, wäre ich beinahe auf einen Varan getreten. Hab mich richtig erschrocken, als da vor mir so ein ca.80 cm langes Reptil ins Wasser huschte. Ich konnte gar nicht anders als immer weiter zu gehen und hatte schon den Entschluss gefasst ganz um den See zu wandern. Außer mich selbst, traf ich nur ein paar Fischer und zwei Jungen, die ihre Sachen im See wuschen. Die beiden meinten dann auch, dass der Weg an dieser Stelle nicht mehr weiter geht und man nur oben am Kraterrand weiter kommen würde. Für diese Aktion hatte ich aber zu wenig Wasser und musste den ganzen Weg wieder zurück. Mein Magen rumorte nun und erinnerte mich daran, dass ich heute noch gar nix Richtiges gegessen hatte. Also schlenderte ich leichten Fußes zurück und setzte mich in das Open Air Restaurant, wo ich der einzige Gast war. Der Kellner, ein alter Oromo, freute sich, dass ich die Begrüßungsformel in seiner Sprache kannte und eilte besonders flink zu der Rundhütte in der sich die Küche befand. Der Fisch schmeckte ganz lecker und ich bekam ohne zu fragen sogar noch extra Lumi (Lemon).
Es war nun 15 Uhr und eigentlich war noch genug Zeit um einen andern der fünf Seen um Debre Zeit zu besuchen. Also ging ich hoch zur Hauptstraße und hielt wieder so ein Pferdegespann an, was mich dann direkt zum Lake Kuriftu hüh-hottete. Das war aber der See, welchen ich letztes Jahr auf der Rückfahrt von den Schulen noch mit Frau Butler und der Crew besucht hatte. Also ließ ich mich dann von dem Pferdetaxi zum Lake Babugaja fahren. Ein kleiner See mit teilweise sehr steilen Uferabschnitten. Hier befanden sich mehrere Hotels und Lodges und man konnte nicht am Ufer um den See laufen. Ich versuchte trotzdem mein Glück und kletterte so weit es ging höher, um am Kraterrand weiter um den See herum zu kommen. Dabei entdeckte ich eine ganz besondere Lodge. Ich wollte gerade wieder aus der Toreinfahrt raus gehen, als mich ein älterer Herr heran winkte. „Please come in, I show you around“. Dieses Hotel war wirklich speziell. Alle Hütten waren nach traditioneller Art aus natürlichen Materialien bebaut, nur der Sockel war mit Feldsteinen und Zement etwas solider gestaltet, der Rest war komplett aus Bambus geflochten oder aus den Rinden von Bäumen. Die Ausstattung war einfach aber sehr geschmackvoll und es gab sogar eine warme Dusche in diesen Luxushütten. Die Matratzen waren extra hart, was ja sonst in den äthiopischen Herbergen eher das Gegenteil ist. Eine Übernachtung gab es schon für erschwingliche 200Birr (weniger als 11€). Das Restaurant war eine aus Bambus geflochtene Haube, nach Art der Sidamo-Hütten. Auf dem Gelände gab es einen botanischen Garten in dem unter anderem 12 verschiedene exotische Früchte wuchsen. Leider habe ich mir auch hier wieder nicht die Namen merken können. Dazu gab es hier noch allerlei Tiere, die das Ganze wie eine Art Garten Eden wirken ließen. Von einer Terrasse aus hatte man einen herrlichen Blick auf den See. Der nette Mensch lud mich dann sogar noch zu einem Honigwein (Tadsch) ein und wir hatten ein angeregtes Gespräch über Gott und die Welt. Seine Weltanschauung war sehr buddhistisch, ohne dass ihm aber diese Religion in irgendeiner Weise nahe stand. Er meinte, man müsse jede Kreation dieser Schöpfung ehren und lieben, weil alles göttlich ist. Genau das schien er mit dieser Garten-Lodge im Sinn gehabt zu haben. Ich hatte die Vision, das Welcome-Center in Woliso in ähnlicher Art zu bauen: Traditionelle Architektur auf festem Grund mit sauberen sanitären Einrichtungen und ökologischer Bewirtschaftung aus Solar, Wind und Biogas. So war wohl auch diese Begegnung kein Zufall. Ayo fuhr mich dann noch in die Stadt und zeigte mir einen Bus, der mich zurück nach Addis fuhr.
Die Rückfahrt war dann wieder der gleiche Wahnsinn wie hin. Nach fast drei Stunden war ich dann wieder in meiner Pension in Addis. Mein Abendbrot bestand aus einem leckeren Burger mit Pommes im Imbiss gleich bei mir um die Ecke. Diesmal war auch die ältere Schwester der netten Inhaberin da und wir haben noch über ein Stunde  gequatscht. Das mag ich so an diesem Land, die Leute lassen sich immer Zeit für Gespräche. Dieses zwanghafte Geschäftig sein kennen die Menschen hier nicht. Das soziale Miteinander ist hier das Geschäftig sein. Auch wenn in den Imbiss kaum Leute kommen und man mit einem Aufsteller auf dem Gehweg bestimmt noch mehr Kunden anlocken könnte, ändert die Inhaberin nichts an dieser Situation, sondern sitzt einfach nur da und ist zufrieden mit dem was ist. Nennt man das Genügsamkeit? Ein Wort das in unseren Breitengeraden schon fast die Bedeutung von Dummheit hat. Genug kennt unser Leben einfach nicht. Genug bedeutet Stillstand und Krise. Wachstum zählt. Ich hätte mir ja  zu mindestens ein Buch mitgenommen, um die Zeit noch irgendwie „sinnvoll“ zu nutzen - und schon wäre ich wieder mit mir selbst beschäftigt und das ist mein – unser Problem. Das ist es, was uns letztendlich auch einsam macht.
Am 14.01. holte ich mit Wondimu Rodrigo vom Flughafen ab. Wir hatten uns in Berlin auf  einem Konzert eines gemeinsamen Freundes aus Argentinien kennen gelernt. Er filmte auf diesem Konzert. Ich erzählte von meiner Reise und dem Projekt und er hat sich relativ spontan entschlossen, die Reise mit seiner Kamera zu dokumentieren. Auch so eine seltsame Fügung, denn ich hatte zu der Zeit gerade überlegt, dass es besser wäre einen Kameramann dabei zu haben. Die Kamera wurde Rodrigo am Flughafen bei der Einreise gleich abgenommen und wir brauchten den ganzen nächsten Tag um sie wieder zu bekommen. Das wir es tatsächlich an einem Tag geschafft haben, haben wir Walta zu verdanken, der uns mit seinem Auto und seiner Freundin von Amt zu Amt durch Addis gefahren hat. Walter spricht perfekt deutsch und hatte auch in D/HH studiert. Ein sehr aufgeweckter und dabei sympathischer Zeitgenosse. Wir fuhren von einem Office zum nächsten, um dann endlich an dem richtigen Verwaltungsgebäude zu landen, welches aber gerade Mittagspause machte.  Letztendlich hat uns die Filmerlaubnis dann 140 € gekostet. Da war nix zu handeln. Der junge Bearbeiter betonte, dass er uns schon das Billigste – die Erlaubnis für Privat und Single gegeben habe und es für Organisationen 1000 $ kosten würde. Danach gingen wir mit Walter und seiner Freundin noch bei Sami vorbei, um etwas zu essen und Bier zu trinken. Bei so viel ungezwungener Freundlichkeit, lässt es sich doppelt genießen. Das Injera-Gericht schmeckte fantastisch! Im Hotel waren wir dann erst mal ziemlich fertig und fielen in die juckenden Betten.